Eigentlich wollte ich nur einen wissenschaftlichen Vortrag halten. Dass ich Jahre später schamanisch arbeiten, Bücher über Naturverbundenheit schreiben und mein Leben grundlegend anders sehen würde, hätte ich damals für unmöglich gehalten. Doch genau das begann mit einer Begegnung auf der japanischen Insel Hokkaido.
Alles begann mit einer Einladung
Als ich 2015 nach Japan reiste, stand Schamanismus nicht auf meiner Agenda. Ich war Verhaltensbiologin und sollte auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Sapporo über meine Forschung an den Frankfurter Stadtkaninchen sprechen.
Der Vortrag lief super. Und die Japaner gaben sich alle Mühe, die Konferenz zu einem echten Erlebnis werden zu lassen. Es gab Origami, japanische Kalligraphie und sogar die Möglichkeit, einen echten Kimono anzuprobieren.
Und im Anschluss an die Konferenz ging es auf eine zweitägige Exkursion in den Süden Japans zum Lake Toya. Ich verliebte mich sofort in die Landschaft und beschloss, einige Zeit dort zu bleiben.
Wie ich die Ainu in Japan kennenlernte
Ich wohnte bei Dai, einem herzlichen Cafébesitzer am Lake Toya. Tagsüber half ich im Café, morgens schwamm ich im glasklaren Wasser des Sees und genoss eine Ruhe, die ich aus Deutschland kaum kannte. Das ging mehrere Wochen so. Bis dieser eine Morgen kam
Dai drückte mir seine Campingausrüstung in die Hand und sagte ganz selbstverständlich: "Heute kommen drei Australier vorbei. Sie fahren zu einem Ainu-Festival. Du solltest mitfahren."
Ich musste lachen. Ich sollte mit drei völlig fremden Menschen quer durch Hokkaido fahren, zu einem Volk, über das ich kaum etwas wusste? Betrieben dich nicht so eine Art Vodoo oder so?
Mein wissenschaftlich geprägter Verstand hatte viele gute Gründe, Nein zu sagen. Doch meine Neugier war größer - und gewann.

Eine Welt, die ich nicht kannte
Zwei Tage später erreichten wir einen abgelegenen Ort mitten in der Natur. Dort traf ich zum ersten Mal die Ainu – die indigene Bevölkerung Hokkaidos. Eine Sache überraschte mich sofort: ihre Offenheit.
Obwohl ich vollkommen fremd war, fühlte ich mich willkommen. Niemand fragte, warum ich da war oder ob ich dazugehören durfte. Ich wurde einfach aufgenommen.
Im Laufe der Gespräche verstand ich nach und nach, dass ihre Beziehung zur Natur eine völlig andere war als alles, was ich bisher kennengelernt hatte. Für die Ainu war ein Baum kein Objekt. Ein Fluss war nicht bloß Wasser. Ein Berg war nicht einfach Landschaft.
Die Ainu glaubten daran, dass alles von einer universellen Lebenskraft - dem Ramat - beseelt ist. Und dass sich diese Beseeltheit in Form von Spirits, den kamuys, zeigt. Für sie war die gesamte Natur beseelt. Sie war Teil der Familie.
Zwischen Zweifel und Staunen
Am Anfang war das für mich alles sehr befremdlich. Als Biologin war ich gewohnt, die Welt zu beobachten, zu messen und zu analysieren. Die Vorstellung, mit Geistern zu kommunizieren oder eine Seele in einem Baum zu sehen, lag weit außerhalb meines bisherigen Denkens.
Dennoch fiel es mir schwer, diese Haltung einfach als Aberglauben abzutun. Zu selbstverständlich lebten die Menschen dort mit dieser Überzeugung. Zu selbstverständlich begegneten sie der Natur mit Respekt.
Und dann waren da noch meine eigenen Erfahrungen, die ich bei den Ainu machte. Ich nahm an ihren Ritualen und Bräuchen teil. Ich verstand damals längst nicht alles. Aber ich begann zu begreifen, dass Schamanismus weit mehr ist als das Bild, das viele Menschen im Westen davon haben.

Mein Weg in den Schamanismus
Schamanismus ist ein anthropologisch geprägter Begriff. Er umfasst sämtliche Methoden, die darauf abzielen, den Bewusstseinzustand zu verändern, um mit Geistern in Kontakt zu treten. Dabei geht es nicht in erster Linie um spektakuläre Rituale. Es geht um Beziehungen - zur Natur, den Ahnen, den unsichtbaren Aspekten des Lebens.
Durch das Trommeln und Singen veränderte sich auch mein Bewusstseinzustand. Ich nahm die Natur auf eine ganz andere Weise wahr. Der Fluss und die Bäume schienen zu mir zu sprechen. Ich fühlte mich mit allem verbunden. Allem wohnt eine Lebendigkeit inne, die ich so als Biologin noch nicht kannte.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich dieser Gedanke irritierte. Nicht, weil ich ihn sofort glaubte. Sondern weil ich spürte, dass meine bisherigen Erklärungen plötzlich nicht mehr ausreichten. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob unsere moderne Sicht auf die Welt vielleicht nur eine von vielen möglichen Perspektiven.
Die Reise ging weiter
Ich flog zurück nach Deutschland mit jeder Menge Fragen im Gepäck. Die Zeit bei den Ainu hat mein Leben von einem Moment auf den anderen verändert. Sie ließ mich nicht mehr los. Also begann ich, mich über Schamanismus und Animismus zu informieren.
Ob Michael Harner, Sandra Ingerman, Paul Uccusic oder Alberto Villoldo - ich las all ihre Bücher und besuchte ihre Kurse. Ich beschäftigte mich mit indigenen Kulturen und fragte mich, warum so viele Völker auf der ganzen Welt die Natur nicht als Ressource, sondern als Verwandte betrachten.
„Der Schamanismus ist kein Glaubenssystem. Er basiert auf persönlicher Erfahrung.“
Dr. Michael Harner
Und je intensiver meine schamanische Praxis wurde, desto mehr Vertrauen gewann ich in meine Erfahrungen und Wahrnehmungen. Ich bildete mir das alles nicht ein - auch wenn sich nicht alles wissenschaflich sofort einordnen ließ. Für mich war klar: Die beseelte Natur ist real!
Was ich von den Ainu gelernt habe
Wenn ich heute auf meine Reise nach Hokkaido zurückblicke, erscheint sie mir wie eine dieser Weggabelungen im Leben, deren Bedeutung man erst Jahre später erkennt. Ich reiste als Wissenschaftlerin zu einer Konferenz. Ich kam zurück mit einer neuen Sicht auf die Welt. Und der Erkenntnis: Es gibt Erfahrungen, die sich nicht allein mit Daten und Studien erklären lassen.
Denke ich heute an die Ainu, denke ich an eine Haltung. An den selbstverständlichen Respekt gegenüber allem Lebendigen. An das Gefühl, Teil der Natur zu sein, statt ihr gegenüberzustehen.
Die Ainu haben mich nicht davon überzeugt, etwas zu glauben. Sie haben mich eingeladen, genauer hinzusehen. Vielleicht liegt genau darin die größte Weisheit vieler indigener Kulturen. Nicht jede Wahrheit lässt sich messen. Manche wollen erlebt werden.
Und manchmal genügt eine einzige Begegnung, damit ein ganzes Weltbild beginnt, sich zu verändern.

Wie sind deine Erfahrungen mit Naturverbundenheit, indigener Weisheit oder schamanischen Praktiken? Schreib es gerne in die Kommentare – ich freue mich darauf, von dir zu lesen.
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Literaturempfehlungen zum Thema
- Harner, Michael (1980): Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus
- Harner, Michael (2013): Die Höhle und der Kosmos. Schamanische Begegnungen mit einer anderen Wirklichkeit
- Ingerman, Sandra (1991): Soul Retrieval – Die verlorenen Seelenanteile zurückholen
- Uccusic, Paul (1984): Der Schamane in uns. Schamanismus als neue Selbsterfahrung
- Villoldo, Alberto (2000): Schaman, Heiler, Weise. Wie wir uns selbst und andere heilen können
- Villoldo, Alberto (2005): Die vier Einsichten. Weisheit, Kraft und Gnade der Inka-Schamanen



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