Jahrelang hatte ich ernährungstechnisch versucht, alles "richtig" zu machen: viel Gemüse, wenig Fett, kein Fleisch. Erst als ich aufhörte, meinen Körper zu kontrollieren, begann er mir zu zeigen, was er wirklich brauchte. Und genau diese Reise führte mich schließlich zu einer überraschenden Erkenntnis: Viele indigene Kulturen essen vorwiegend tierbasiert.
Als mein Körper lauter wurde als meine Überzeugungen
Ich war überzeugt, das Richtige zu tun. Ich ernährte mich vegetarisch, aß möglichst fettarm, trieb viel Sport und achtete akribisch darauf, was auf meinem Teller landete. Von außen bekam ich dafür viel Anerkennung. Menschen bewunderten meine Disziplin und sagten mir oft, wie gesund und fit ich aussah.
Was kaum jemand wusste: Hinter dieser Disziplin verbarg sich längst eine Essstörung. Ich zählte Kalorien, machte täglich mehrere Stunden Sport und hatte seit Jahren keine regelmäßige Periode mehr. Mal war die Essstörung stärker, mal schwächer – aber sie bestimmte mein Leben. Essen und Sport waren keine Freude mehr. Sie waren Kontrolle.
Hinter meiner vermeintlichen Disziplin verbarg sich eine Esstörung.
Trotzdem änderte ich nichts. Ich hatte gelernt, mit meiner Obsession über Essen zu leben. Sie war einfach Teil meines Alltags geworden. Doch dann traf ich die Liebe meines Lebens.
Schon früh wussten wir, dass wir gemeinsam eine Familie gründen wollten. Und plötzlich konnte ich etwas nicht länger ignorieren: Mein Körper machte da nicht mit. Seit Jahren hatte ich keine regelmäßige Periode mehr.
Solange ich nur für mich selbst lebte, konnte ich dieses Warnsignal verdrängen. Doch jetzt stand ich vor einer Entscheidung: Kämpfte ich weiter gegen meinen Körper – oder begann ich endlich, ihm zuzuhören?
Der Tag, an dem ich "all in" ging
Von einem Tag auf den anderen hörte ich auf, Kalorien zu zählen. Ich verbot mir keine Lebensmittel mehr. Gab meinem Körper alles, wonach er verlangte. Egal was, egal wann. Mit dieser Entscheidung folgte ich dem Konzept von "all in" - eine verbreitete wenn auch sehr radikale Form, um eine Esstörung zu heilen. Nahm ich vorher nicht einmal 1.000 kcal zu mir, waren es nun täglich über 10.000 kcal.

Entsprechend legte ich sehr schnell an Gewicht zu. Von 50 kg auf 70 kg in nur wenigen Wochen. Mein Körper war über die Jahre so ausgezehrt, dass er ständig nach Essen verlangte. Sogar mitten in der Nacht wachte ich auf und stopfte Essen in mich hinein.
Diesem Hunger nachzugeben war alles andere als einfach. Denn mit jedem Kilo schien ich etwas von dem zu verlieren, worüber ich mich jahrelang definiert hatte: meinen schlanken Körper, meine Kontrolle über das Essen, meine „fitte“ Persönlichkeit.
Es gab Tage, an denen ich in den Spiegel schaute und überzeugt war, einen Fehler gemacht zu haben.
Ich erkannte meinen Körper kaum wieder. Der Drang, wieder Kalorien zu zählen, wieder mehr Sport zu treiben und alles rückgängig zu machen, war enorm.
Doch dann erinnerte ich mich daran, warum ich diesen Weg überhaupt begonnen hatte. Ich wollte gesund werden. Und ich wollte meinem Körper endlich die Chance geben, schwanger zu werden. Also machte ich weiter.
Mein letztes "Angst-Lebensmittel"
Nach etwa 6 Monaten nahm mein Hunger deutlich ab. Ich pendelte mich auf drei Mahlzeiten pro Tag ein. Mein Gewicht stoppte irgendwann bei 85 kilo. Und auch meine Periode war wieder regelmäßig. Fast alle meine sogenannten "Fear Foods" hatten ihren Schrecken verloren. Nur eine Sache hatte ich noch auf meiner "Verboten-Liste": Fleisch.
Gleichzeitig spürte ich, dass mein Körper Lust auf Fleisch hatte. Der Duft von einem deftigen Braten ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Doch mein moralischer Anspruch ließ nicht zu, dass ich wieder Fleisch aß.
Wochenlang ignorierte ich dieses Verlangen. Ich redete mir ein, dass mein Körper sich irren musste. Schließlich hatte ich mein ganzes Leben lang gelernt, dass Fleisch ungesund sei. Doch irgendwann stellte ich mir eine unbequeme Frage: Was, wenn ich meinem Körper nur dann vertraue, wenn er genau das will, was ich ohnehin für richtig halte? War das überhaupt echtes Vertrauen?
Also kaufte ich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder Fleisch.

Ich hatte erwartet, mich schlecht zu fühlen. Stattdessen geschah etwas völlig anderes: Mir ging es großartig! Mein Energielevel stieg. Mein Haut wurde reiner. Meine Konzentration wurde besser. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass mein Körper nicht mehr gegen mich arbeitete.
Und es blieb nicht bei dem gelegentlichen Fleischkonsum. Mein Verlangen wuchs mit jedem Tag. Morgens aß ich Speck und Würstchen. Mittags Hackfleisch und Eier. Abends Lachs und Steak. Ich war noch immer "all in" - aber alles worauf ich Lust hatte, waren tierische Lebensmittel.
Gleichzeitig wurde mein innerer Konflikt größer. Mein Körper schien mir etwas völlig anderes zu sagen als alles, was ich über Ernährung gelernt hatte. Wem sollte ich glauben? Den Studien, Büchern und Ernährungsempfehlungen, die mich fünfzehn Jahre begleitet hatten oder meiner eigenen Erfahrung?
Pflanzen ziehen in den Kampf
Als Wissenschaftlerin reichte mir meine eigene Erfahrung nicht. Schließlich war ich nur eine Stichprobe. Also begann ich zu recherchieren. Diesmal nicht mit der Frage: Wie sollte man sich ernähren? Sondern: Welche Erklärung könnte es dafür geben, dass mein Körper so auf diese Ernährung reagiert?
Dabei beschäftigte ich mich unter anderem mit pflanzlichen Abwehrstoffen. Pflanzen können vor Fressfeinden nicht davonlaufen. Im Laufe der Evolution haben sie deshalb eine Vielzahl mechanischer und chemischer Schutzmechanismen entwickelt. Als Biologin war mir das natürlich bekannt. Im Studium hatte ich mich selbst mit Stoffgruppen wie Oxalaten, Lektinen, Phytaten, Glykoalkaloiden und anderen sekundären Pflanzenstoffen beschäftigt.

Neu war für mich nicht ihre Existenz. Neu war die Frage, welche Bedeutung sie möglicherweise für meine individuelle Ernährung hatten. Ich begann Pflanzen, die ich jahrzehntelang automatisch mit „gesund“ gleichgesetzt hatte, differenzierter zu betrachten.
Und ich beobachtete weiter: Seit ich deutlich weniger pflanzliche Lebensmittel aß, waren meine Hautprobleme fast verschwunden. Meine Verdauung hatte sich verbessert, ich hatte keine Blähungen mehr. Und was ganz verrückt war: ich bekam keinen Sonnenbrand mehr.
Was mein Stoffwechsel damit zu tun hatte
Gleichzeitig veränderte sich noch etwas in meinem Leben: mein Gewicht. Da ich inzwischen nur noch wenige Kohlenhydrate aß, nutzte mein Körper zunehmend Fett und Ketonkörper zur Energieversorgung. Der Energiegewinn aus dem Fett war so effizient, dass ich deutlich mehr Energie über den Tag hatte. Kein Mittagstief mehr. Und zwei Mahlzeiten am Tag reichten mir häufig völlig aus.

Hinzu kam, dass ich endlich mein Wunschgewicht problemlos halten konnte - ganz ohne Hungern und ohne stundenlanges Schwitzen im Fitnessstudio. Nach den Jahren, in denen Essen praktisch jeden meiner Gedanken bestimmt hatte, war das für mich vielleicht die erstaunlichste Veränderung überhaupt: Essen und Sport hatten ihre Macht über mich verloren.
Trotzdem blieb eine Frage offen: Nur weil ich mich mit dieser Ernährung gut fühlte, hieß das noch lange nicht, dass Menschen langfristig so leben konnten. Wie lange konnte ich meine "Fleischdiät" durchziehen, ohne, dass ich davon Schaden nahm? Die Antwort darauf begegnete mir bei einer Konferenz in Spanien.
Essen, was das Land her gibt
Auf einer Tagung über indigene Kulturen lernte ich die Humanbiologin Mary Ruddick kennen. Mary beschäftigt sich seit vielen Jahren mit traditionellen Gemeinschaften und ihren Lebensweisen. In unserem Gespräch kamen wir auch auf Ernährung zu sprechen.
Dabei erzählte sie mir etwas, das meine eigene Erfahrung plötzlich in einen völlig neuen Zusammenhang stellte. Es gibt traditionelle Gemeinschaften, deren Ernährung aufgrund ihrer Umwelt stark von tierischen Lebensmitteln geprägt ist – in manchen Regionen sogar außerordentlich stark. Nicht, weil diese Menschen „Carnivore“ als moderne Ernährungsphilosophie entdeckt hätten. Nicht, weil sie Kohlenhydrate für böse hielten. Sondern weil Menschen seit jeher das aßen, was ihre jeweilige Umwelt ihnen zur Verfügung stellte.

Bei den Inuit des hohen Nordens wachsen über viele Monate des Jahres weder Salat noch Brokkoli, weder Äpfel noch Getreide. Dafür gibt es Fische, Robben, Karibus und Wale. Ein traditionelles Lebensmittel ist maktaaq oder muktuk – die Haut mit der darunterliegenden Fettschicht von Walen. Gerade dieses für uns vielleicht ungewöhnlich wirkende Lebensmittel liefert neben viel Energie auch wichtige Mikronährstoffe.
In den Steppen Zentralasiens wiederum sieht der Speiseplan völlig anders aus. Dort lebte Mary in Gemeinschaften, bei denen sich im Sommer ein großer Teil des Lebens um Milch dreht - z.B. den Jakuten. Wenn die Tiere nach dem Winter auf den Weiden stehen und reichlich Milch geben, wird gemolken und verarbeitet: zu Rahm, Butter, Käse, Joghurt, getrocknetem Quark oder fermentierter Stutenmilch. Mary berichtete sogar von einer eigenen Jurte, die der Verarbeitung und Aufbewahrung der Milchprodukte diente.

Überall fettreiche tierische Lebensmittel – nicht als moderne „High-Fat-Diät“, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer Lebensweise, die sich über Generationen an Landschaft, Klima und Jahreszeiten angepasst hatte.
Das faszinierte mich alles sehr. Diese Menschen hatten keine Makro-App. Sie diskutierten nicht darüber, ob Fett gerade gut oder böse war. Ihre Ernährung entstand aus einer unmittelbaren Beziehung zu ihrer Umwelt. Im kurzen Sommer gab es andere Lebensmittel im Überfluss als im tiefen Winter. Was vorhanden war, wurde genutzt, verarbeitet, fermentiert, getrocknet oder für später haltbar gemacht.
Die wichtigste Erkenntnis hatte nichts mit Fleisch zu tun
Heute ernähre ich mich seit fast 3 Jahren überwiegend tierbasiert. Nicht, weil ich es mir täglich aufzwinge sondern weil ich nach vielen Experimenten festgestellt habe, dass es meinem Körper damit am besten geht. Gleichzeitig hat die wichtigste Erkenntnis meiner Reise gar nicht soviel mit Fleisch zu tung.
Die wichtigste Erkenntnis heißt: Vertrauen. Ich musste lernen, meinen Körper nicht mehr wie ein Objekt zu behandeln, das mein Verstand kontrollieren und optimieren muss. Ich musste lernen zu beobachten. Zuzuhören. Und manchmal auch auszuhalten, dass das, was ich wahrnahm, nicht zu meinen bisherigen Überzeugungen passte.
Vielleicht liegt darin eine Weisheit, die wir auch in vielen traditionellen Kulturen wiederfinden können: Leben nicht ausschließlich nach abstrakten Regeln auszurichten, sondern aufmerksam auf den eigenen Körper, die Umwelt und die jeweiligen Lebensbedingungen zu reagieren.
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Literaturempfehlungen zum Thema
- Anthony Chaffee: Why We Are Carnivores … and How Plants Try to Poison You: The Science and Evidence Supporting Our Real Ancestral Diet
- Shawn Baker: The Carnivore Diet Paul Saladino: The Carnivore Code: Unlocking the Secrets to Optimal Health by Returning to Our Ancestral Diet
- Judy Cho: Carnivore Cure: Meat-Based Nutrition and the Ultimate Elimination Diet to Attain Optimal Health
- Judy Cho & Laura Spath: The Complete Carnivore Diet for Beginners: Your Practical Guide to an All-Meat Lifestyle
- Sally K. Norton: Toxic Superfoods
- Nina Teicholz: The Big Fat Surprise: Why Butter, Meat and Cheese Belong in a Healthy Diet Georgia Ede: Change Your Diet, Change Your Mind
- Benjamin Bikman: Why We Get Sick Vilhjalmur Stefansson: The Fat of the Land
- Lierre Keith: The Vegetarian Myth
Tabelle 1: Übersicht über pflanzliche Inhaltsstoffe und deren Wirkung auf den menschlichen Körper. Quelle: Petroski W, Minich DM. Is There Such a Thing as “Anti-Nutrients”? A Narrative Review of Perceived Problematic Plant Compounds. Nutrients. 2020;12(10):2929.
| Pflanzliche Inhaltsstoffe | Vorkommen | Wirkungen |
|---|---|---|
| Oxalate | Spinat, Mangold, Rote Bete, Sauerampfer, Kakao, Mandeln | Können Mineralstoffe binden und zur Bildung von Nierensteinen beitragen. |
| Lektine | Bohnen, Sojabohnen, Erdnüsse, Linsen, Getreide, besonders viel in Kidneybohnen | Sind bekannt dafür, die Darmwand zu reizen. |
| Phytinsäure (Phytate) | Vollkorngetreide, Hafer, Weizen, Reis, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen | Bindet Mineralstoffe wie Eisen, Zink, Magnesium und Calcium |
| Solanine | Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten, Auberginen, Paprika | Können in größeren Mengen Übelkeit und Verdauungsbeschwerden verursachen |
| Goitrogene | Kohl, Brokkoli, Rosenkohl, Grünkohl, Raps, Senf | Können die Jodaufnahme der Schilddrüse beeinträchtigen |
| Cyanogene Glykoside | Bittermandeln, Aprikosenkerne, Maniok, Leinsamen | Enthalten giftige Blausäure |



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